Ein halbes Jahrhundert Weben in Namibia

Die Vorgeschichte - Das Karakulschaf war in Namibia nicht heimisch. Es wurde erstmals im Jahre 1906 vom deutschen Kürschnerei-Unternehmen Thorer aus Usbekistan in die damalige deutsche Kolonie Deutsch Südwestafrika eingeführt. An Teppiche dachte man damals freilich nicht. Vielmehr ging es um die Felle der neu geborenen Lämmer, die auf Auktionen in Europa als "schwarze Diamanten" gehandelt wurden und hohe Preise erzielten. Die Wolle der Mutterschafe dagegen wurde meist verbrannt oder zum Befestigen regennasser Sandwege genutzt. So auch auf der Farm Ibenstein bei Dordabis.

Als das erste Karakulschaf 1906 namibischen Boden betritt, erblickt Marianne Stauch in Berlin das Licht der Welt. Zwei Jahre später gerät ihr Vater August Stauch in der damaligen Kolonie Deutsch Südwestafrika zu traumhaftem Reichtum: Er ist Stationsvorsteher der Bahnstation Grasplatz an der Bahnstrecke Lüderitz - Aus. Nachdem sein Arbeiter Zacharias Lewala dort einen Diamanten findet, erwirbt Stauch als erster Schürfrechte in dem Gebiet. Von dem Geld aus dem Diamantengeschäft kauft er unter anderem die Farmen Dordabis und Haribes, auf denen er später Karakulschafe hält.

Die Anfänge - Seine Tochter Marianne studiert an der Bauhaus-Schule Malerei und heiratet 1930 Nikolai Krafft. Sie verlassen 1931 Deutschland und siedeln nach Dordabis über. Dem Schwiegervater fällt bei einem Besuch auf, dass man auf den Farmen die Wolle der Karakulschafe achtlos wegwirft. Er stammt aus Russland und weiß vom Nomadenvolk der Sarten in der Buchara, das aus der Karakulwolle Teppiche knüpft. So kommt ihm der Gedanke, mit der Herstellung von Teppichen die Wolle zu nutzen und den Angehörigen der Farmarbeiter ein Zubrot zu bieten.

Doch erst Jahre nach dem II. Weltkrieg kann Marianne Krafft die Idee verwirklichen: 1952 kommt eine Webmeisterin aus Deutschland. Am 2. Mai beginnt die Arbeit, Wochen später ist der erste Teppich fertig. Anfangs experimentiert man viel: Erst wird geknüpft, ab Anfang der Achtziger Jahre nur noch gewebt, weil das weniger Zeit und Wolle kostet. Erst verwendet sie nur Naturtöne, später färbt sie auch. Und dominieren zunächst abstrakte geometrische Muster im Bauhaus-Stil, so fließen ab 1965 auf Anregung der deutschen Webmeisterin Sabine Pannier, auch Tiermotive der Weber ein.

Ausbau und Umzug - 1974, im Alter von 68 Jahren, gibt Marianne Krafft die Weberei in die Hände ihrer Tochter Berenike, die Textildesign studiert hat, und deren Mann Frank Gebhardt. Motive namhafter Künstler wie Helena Brandt und Konnie Zander aus Namibia oder John Piper aus England werden in Webkunstwerke umgesetzt. 1980 zieht die Weberei um in größere Räume auf Farm Klein Ibenstein, etwa 4 km von Dordabis entfernt. Zeitgleich werden in der Nähe für die Beschäftigten und ihre Familien Steinhäuser errichtet. Auf Klein Ibenstein entsteht ein Dorf, in dem schon bald 100 Menschen leben. Am 21. November 1992 stirbt Marianne Krafft im Alter von 86 Jahren. So erlebt sie nicht mehr, dass ihre Enkelin Anne Gebhardt 1995 im deutschen Ort Siegen eine Ausbildung als Handweberin beginnt.

Weben in dritter Generation - Im August 2002 begeht die Familie das halbe Jahrhundert Webkunst-Tradition auf Farm Ibenstein / Klein Ibenstein mit einer Ausstellung in der Nationalgalerie in Windhoek. Zugleich vollzieht sich der nächste Generationenwechsel: Schritt für Schritt übergibt Berenike Gebhardt den Betrieb an ihre Tochter Anne und deren Mann Wolfgang Ramdohr, die bereits seit November 2001 auf Klein Ibenstein leben. Anne Ramdohr kümmert sich um die Produktion, der studierte Zoologe Wolfgang um Verwaltung, Marketing und Vertrieb. Seit 2001 ist Ibenstein Weavers übrigens auch mit einem großen Stand im Namibia Crafts Centre in der Alten Brauerei in Windhoek vertreten.

Im März 2005 investieren die jungen Ramdohrs eine beträchtliche Summe in den Um- und Ausbau der Weberei sowie den Kauf eines halbautomatischen Webstuhls für Stoffe. Die Herstellung von Stoffen aus ungefärbten Naturfasern wie Bambus, Seide, Leinen und Baumwolle soll zweites Standbein der Weberei werden - und dazu beitragen, dass die Arbeitsplätze der 17 Mitarbeiter auf Klein Ibenstein auch in Zukunft erhalten bleiben.